Liebe Patientinnen, Liebe Patienten,

ich habe vor ca. zwei Jahren meine Hausarztpraxis in Pfinztal Berghausen neu gegründet. Was ich in diesen zwei Jahren erlebt habe und was dazu geführt hat, dass ich im Oktober 2019 meinen Vertragsarztsitz zurück gegeben habe, möchte ich hier schildern:

Unter den Bedingungen, die die Kassenärztliche Vereinigung schafft, wäre es mir auf Dauer nicht möglich gewesen eine ausreichende Medizin zu gewährleisten. Die Versorgung an der Basis (Allgemeinmediziner) sehe ich als mangelhaft bis ungenügend an. Ich arbeite mit Menschen und das Leben ist für mich ein Wunder, das es zu schützen, unterstützen gilt. Daher sehe ich den Arztberuf in einer hohen ethischen Verpflichtung.

Es ist nicht nur meine Problematik als Fachärztin für Allgemeinmedizin, im gesamten ländlichen Raum und in den Städten treten mittlerweile fehlerhafte Zuordnungen der beschränkten Ressourcen auf. Aufgrund der nicht stimmigen kompletten Finanzierungsbasis, beklagen auch spezialisierte Fachärzte, Rettungsdienste, Krankenhäuser die Versorgungsdefizite, die in engem Zusammenhang mit der Fallpauschalenfinanzierung im stationärem Sektor etc. stehen. Patienten werden von A nach B und wieder zurück nach A geschickt. Dabei entstehen teilweise nicht nur enorme Transportkosten, sondern häufig wird der Patient nicht nach aktuellstem Stand ärztlicher Kunst behandelt. Wegen der Fallpauschalenfinanzierung wird der Ursache der Symptomatik mit der Kausalkette nicht mehr auf den Grund gegangen, Therapien teils noch nicht einmal begonnen (Überbelegung und Kostenträgerunklarheiten verstärken die mangelhafte Versorgungslage). In einem hoch entwickeltem Land wie Deutschland ist das eine kaum zu rechtfertigende Situation.

Die Anamnese- die Geschichte/ das Gespräch mit dem Patienten stellt die Basis aller weiteren Schritte dar. Nur so kann ich zielführend arbeiten und notwendige (nicht die finanziell lukrativste), entsprechend dem Sozialgesetzbuch V §2 Abschnitt 4, weitere Diagnostik, von der einfachen körperlichen Untersuchung bis hin zu spezialisierten apparativen Diagnostik einleiten. Auf der anderen Seite ist das Gespräch häufig bereits schon Therapie und ersetzt manche Pille. Da Patienten immer auch notleidende Menschen sind, wollen sie als Person wahrgenommen werden. Das Arztgespräch ist lächerlich gering honoriert; die Gesprächsziffer im Honorarvolumen einer depressiven Bewertung unterworfen.

Die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin wird zwar finanziell gefördert. Ausreichend Zeit für die Praktische Lehre ist weder im ambulanten, universitären, noch im stationären Sektor vorhanden. Wäre die Perspektive des Berufes Arzt für Allgemeinmedizin wirklich attraktiv, müsste dafür kein Fördergeld ausgegeben werden.

Seit Mai 2019 ist das Terminservice– und Versorgungsgesetzes (TSVG) in Kraft getreten. Es schränkt nach meiner Erfahrung nicht nur die Ärzte, sondern auch die Patienten in Ihrer Freiheit ein.

Zur gleichen Zeit kommt es zu einer Verschlechterung im Bereich der Prävention, da das Intervall der Vorsorgeuntersuchungen auf drei Jahre angehoben wird. Dabei sollte Prävention die wichtigste Aufgabe eines Arztes darstellen und entsprechend honoriert werden.

Kritik ist auch für die Telematikinfrastruktur angezeigt. Nicht nur wurden alle niedergelassenen Vertragsärzte unter Androhung von Honorarkürzungen gezwungen, sich der Digitalisierung zu unterwerfen; auch für Patienten entstehen fraglich ethisch vertretbare „Beschädigungen“ Ihrer Rechte auf Datenschutz. Kommunikation und Austausch der Therapeuten, Beratern und/ oder anderen Personen der Gesundung involvierten ist wichtig. Dies muss für den Patienten transparent sein, er muss dazu zustimmen und muss es jederzeit widerrufen können. Das Digitale-Versorgungs-Gesetz (DVG) wahrt dies nicht und greift so in die Privatsphäre der Bürger ein.

Nicht nur die oben genannten „Alltagshürden“, die durch ein interessengeleitetes Honorarsystem und nach reinen Wirtschaftlichkeitsmaßstäben ausgerichtete Fallpauschalenpraxis erschwerten es mir, nach meinen Hyopkratischen Eid und meinen persönlichen ethisch/moralischen Maßstäben eine sozial verantwortungsvolle Ärztin in diesem Vertragsarztmodel zu sein. Darüber hinaus bin ich sehr besorgt über die neuen zweckorientieren ethischen Tendenzen, die sich in der Widerspruchslösung bei Organentnahmen zeigt. Als Ärztin könnte ich schwerlich meinen Patienten unter diesen Bedingungen dazu raten. Gleiches gilt für die „Zwangshandlungen“ wie allgemeine Impfpflicht es wäre. Selbstbestimmung und wahrhaftige Aufklärung möchte ich meinen Patienten garantieren können.

Das deutsche Gesundheitssystem ist überreguliert und trotzdem fehlgesteuert.

Dr. med. Nicole Annette Morper im Januar 2020